6 Mythen über die Rückkehr der Wölfe in Europa

(Foto Copyright: Byrdyak, dreamstime)
Seit 2011 sind in den Südvogesen und in Lothringen die Wölfe wieder heimisch geworden. Aktuell (2018) wird deren Bestand auf ca. 3 Rudel, also ca. 30 Tiere geschätzt. Die Aufregung ist in beiden Lagern groß – bei den Bauern und Tierhaltern ebenso wie bei den Naturschützern und Wolf-Befürwortern. Leider wird die Debatte oft sehr emotional und einseitig geführt.

Auch als Wanderer fragt man sich, was da auf uns zu kommt. Einem Wolf zu begegnen ist trotz allem eher unwahrscheinlich. Ich habe oft allein in den Wäldern der Vogesen biwakiert und bislang weder einen Wolf gesehen noch gehört. Ängste auf der einen – und die Faszination für dieses scheue & wilde Tier auf der anderen Seite beschäftigen uns Menschen seit Jahrhunderten.

Auf dieser Seite habe ich versucht, ein paar Mythen zum Thema Wolf zusammenzufassen und – sofern möglich – zu klären. Bei der Recherche habe ich Wert auf verlässliche Quellen gelegt, trotzdem kann ich keine Gewähr für deren Richtigkeit übernehmen! Bei der inhaltlichen Korrektur hat mich dabei freundlicherweise Elli Radinger unterstützt, ihr sei an dieser Stelle ein herzlicher Dank ausgesprochen!

Sind Wölfe für Menschen ungefährlich?!

Das stimmt nicht ganz. Es ist eine Tatsache, dass der Wolf ein Beutegreifer ist. Genauso unbestritten ist der Fakt, dass niemand vorhersagen kann wie sich ein wildes Tier in bestimmten Situationen verhalten wird.

Bekannt ist außerdem, dass der Wolf der weltweit erfolgreichste Beutegreifer ist – gemessen an der Verbreitung und den Klimazonen – und dass sein Kiefer stark genug ist um Knochen zu zertrennen. Richtig ist außerdem, dass in der Vergangenheit tollwütige Wölfe Menschen angefallen und getötet haben, allerdings gilt die Tollwut bei uns als ausgerottet, diese Gefährdung fällt also weg.

Tatsächlich lebt ein Wolfsrudel aber zu über 90% von Wildtieren und vergreift sich nur in einzelnen Fällen an Nutztieren.

Richtig ist auch, dass Wölfe über Jahrhunderte vom Menschen bejagt wurden und dieses Wissen von Wolfsgeneration zu Wolfsgeneration weitergegeben wird. Daher sind Wölfe äußerst scheu und misstrauisch gegenüber uns Menschen. Dass Menschen zum Opfer von Wölfen werden, ist jedenfalls sehr unwahrscheinlich, da sie uns Menschen grundsätzlich als wehrhaftes Wesen betrachten und nicht die Gefahr eingehen wollen, bei einem Kampf selbst verletzt zu werden.

In extremen Situationen kann es jedoch zu einer gefährlichen Konfrontation kommen, wie Einzelfälle mit Todesfolge aus Nordamerika zeigen. Dabei ist eine Begegnung an sich noch lange keine Konfrontation, sondern gehört zum normalen Verhalten eines jungen Wolfes, der seine Umgebung erforscht.

Eine gefährliche Konfrontation kann eigentlich nur dann eintreten, wenn ein Wolf angefüttert wurde, er also gelernt hat den Mensch mit “Essen” in Verbindung zu bringen.

Das trifft zum Beispiel auf Wölfe zu, die in Gefangenschaft gehalten wurden und entkommen sind. Auch in der Nähe von Landwirtschaftsbetrieben, die Tierabfälle entsorgen kann eine solche Gewöhnung stattfinden. Meistens kommen jedoch mehrere Faktoren zusammen, wenn es tatsächlich zu einem Angriff auf Menschen kommt, wie etwa vor 50 Jahren in Nordspanien, wo eine säugende Wolfsmutter kleine Kinder von Feldarbeitern verschleppt hat.

Wenn ein Wolf nicht ständig vom Menschen bejagt wird, wird er ihm gefährlich werden?!

Viele fragen sich, wie lange die Wölfe den Respekt vor den Menschen noch aufrechterhalten werden. Indem der Wolf durch das internationale Artenschutzabkommen nicht mehr bejagt wird, könnte er die Scheu vor dem Menschen verlieren und ihm gefährlich werden, so die Skeptiker.

Natürlich kann niemand von uns in die Zukunft schauen, und die aktuelle Situation der Rückkehr der Wölfe ist für unsere Gesellschaft vollkommen neu.

Frau Dr. Mennerich-Bunge unterscheidet hier die Habituierung und die Konditionierung. Eine Gewöhnung des Wolfes an menschliche Behausungen und direkte Begegnungen seien bei uns unausweichlich und vollkommen unbedenklich. Lediglich das Anfüttern (die Konditionierung durch den Menschen) birgt nach Birgit Mennerich-Bunge die Gefahr.

In den Managementplänen der einzelnen Bundesländer ist geregelt, wie bei auffälligen Tieren vorgegangen werden muss. Dazu gehört auch im äußersten Fall das Töten solcher Wölfe. In Niedersachsen ist das bereits geschehen, nachdem sich ein Wolf wiederholt Menschen genährt hatte und sich nicht verjagen ließ.

Grundsätzlich stehen Wölfe in Europa unter Artenschutz und dürfen NICHT bejagt werden. Sollten sie irgendwann einmal unter das Jagdrecht gestellt werden, hätten sie dennoch eine ganzjährige Schonzeit.

Werden Wölfe ILLEGAL getötet, kann es passieren, dass sich das Rudel aufteilt und die Angriffe auf Nutztiere zunehmen. Die Konflikte nehmen erfahrungsgemäß also eher zu wenn Abschusszahlen genehmigt werden, da sie das soziale Gefüge des Rudels zerstören.

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Für Wölfe ist in einer Kulturlandschaft kein Platz?!

Nach einer FFH Studie hat Deutschland Platz für ca. 400 Rudel.

Schäden an Nutztieren entstehen mehrheitlich dort, wo die Menschen nicht auf den Wolf vorbereitet sind. Zudem erscheinen die Zahlen statistisch eher unbedeutend, wenn man bedenkt, dass 2016 in Bayern über 50.000 Schafe (ohne Zutun des Wolfes) als Kollateralschaden der Landwirtschaft in Tierkörperbeseitigungsanlagen entsorgt wurden (Quelle: Bayrischer Landtag, Wolfsmonitor).

In seltenen Fällen kommt es zu Mehrfachtötungen an ungeschützten Nutztieren. Dies geschieht, wenn es dem Wolf gelingt, in ein nicht oder schlechte geschütztes Gehege einzudringen. Bauern, die sich mit dem Herdenschutz befassen (Stromzaun & Herdenschutzhund zum Beispiel) machen mehrheitlich gute Erfahrungen. Die Wölfe lernen schnell, dass die Nutztiere als Beute tabu sind.

” Die meisten Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere gibt es vor allem dort, wo Wölfe sich in neuen Territorien etablieren und die Schaf- und Ziegenhalter sich noch nicht auf deren Anwesenheit eingestellt haben. Meist gehen die Schäden in diesen Gebieten nach ein, zwei Jahren zurück, wenn die Tierhalter gelernt haben, mit der Anwesenheit von Wölfen umzugehen. ” (Quelle: dbb-wolf.de, Bundesweite Schadenstatistik.)

Schwierig wird es dagegen für Nebenerwerbs-Landwirte oder Almwirtschaften. Für manche kleinere Betriebe sind die Aufwände für die Schutzmasßnahmen wahrscheinlich zu hoch, es sei denn, sie werden optimal von der Politik unterstützt.

Wölfe verursachen unnötig hohe Kosten für die Gesellschaft?!

Eher nicht. Wölfe, die ihrem natürlichen Verhalten entsprechend Wildtiere jagen, tragen erheblich zur Balance des Ökosystems bei.
Viele Wildtiere haben keine natürlichen Feinde mehr und die Jägerschaft hat eher ein Interesse an hohen Wildbeständen als an kleinen, weil die Jagd dadurch einfacher wird. Dazu kommt, dass das Nahrungsangebot für Wildtiere ständig steigt. Milde Winter sorgen für die sogenannte Baummast, das bedeutet dass die Bäume mehr Früchte (z.B. Eicheln, Bucheckern) tragen. Außerdem wird immer mehr Mais und Raps angepflanzt. Ein Maisfeld ist ein Schlaraffenland für Wildschweine, deren Verbreitung stark zunimmt.

Das hat zur Folge, dass die Jäger zu wenig Wildtiere schießen und sich Rehe, Hirsche, Füchse und Wildschweine immer mehr verbreiten. Die Schäden an jungen Bäumen und der Landwirtschaft werden jährlich auf mehrere Millionen € beziffert (Quelle unklar).
Darunter fallen auch Entschädigungszahlungen an Landwirte, deren Wiese durch Wildschweine umgepflügt wurde, aber auch Pflegemaßnahmen im Forst, wie zum Beispiel Baumpflanzungen, die eingezäunt werden müssen. Dabei entstehen unter anderem Kosten und Aufwände durch das Anbringen von Verbissschutz und dem späteren Entsorgen des Schutzes.

Das Jagdverhalten der Wölfe beeinflusst also den Baumbestand positiv, indem sie die Rehe und Hirsche eindämmen. Im Yellowstone Nationalpark in den USA haben davon auch viele Vogelarten und die Biber davon profitiert. Dadurch veränderte sich das Flussbett, das wiederum mehr Insektenarten beheimaten konnte. Viele Aasfresser wie z.B. Adler konnten ihre Population stabilisieren und überstehen die Winter besser durch die Anwesenheit der Wölfe. Die Wissenschaftler haben noch nicht alle Effekte hinreichend erfasst, aber es zeichnet sich ab, dass der Wolf einen wichtigen Beitrag für die Stabilität der Natur leistet.

In Gebieten mit gut ausgebautem Herdenschutz nehmen die Schäden an Nutztieren durch den Wolf nicht proportional zur Anzahl der Wölfe zu. Die absoluten Zahlen über Wolfsrisse steigen trotzdem an, weil einzelne Wölfe bzw. Rudel, die auf den Geschmack gekommen sind, die Statistik nach oben treiben. So wurde in Niedersachsen per DNA Analyse festgestellt, dass praktisch alle Schafrisse auf das Konto eines einzigen Wolfes ging. Dieser wurde schließlich geschossen.

Wie sich auf lange Sicht die Förderung von Herdenschutz-Maßnahmen und mögliche Einsparungen bei Schäden in Wald und Flur entwickeln, wird sich zeigen.

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Hat sich ein Wolfsrudel erst einmal an das Töten von Nutztieren gewöhnt, ist es schwer es wieder an das Jagen von Wildtieren zu gewöhnen?!

Ja, das ist leider wahr. Wölfe sind sehr intelligent und sie wissen genau, wie viel Energie sich einzusetzen lohnt um Beute zu machen. Deshalb lernen sie schnell leicht erreichbare Beute zu schätzen.

Wenn Sie einmal Gefallen daran gefunden haben, Nutztiere zu reißen, bedarf es relativ viel Aufwand um sie umzustimmen. Der Bauer muss dann dafür sorgen, dass die Wölfe etwas, das sie erlernt haben (Schafe sind leichte Beute), wieder neu lernen (Schafe sind gefährlich).

Falsch ist, dass eine Bejagung hier automatisch Abhilfe schafft, denn die Wölfe können die Weidetiere nicht mit der Gefahr die vom Mensch ausgeht in Verbindung bringen.

In Italien gibt es Bauernhöfe mit Schafen, die zum Ziel eines Rudels wurden. Diese Entwicklung konnte erst wieder umgekehrt werden, als die Tiere nachts in den Stall genommen – und tagsüber von Herdenschutzhunden bewacht wurden. Seitdem gab es kaum mehr Schäden an den Nutztieren. Vereinzelt wurden in den französischen Seealpen aber selbst Herdenschutzhunde zum Opfer von Wölfen.

Deshalb ist es wichtig, Herdenschutzmaßnahmen so schnell wie möglich umzusetzen, um den Wölfe nicht die Gelegenheit zu geben eine positive Lernerfahrung mit Nutztieren zu machen.

Obwohl der französische Staat Herdenschutzmaßnahmen unterstützt, fühlen sich in den Vogesen viele Bauern von den Behörden allein gelassen. Wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden, steigen die Schäden und die Zahlungen leider immer weiter an. Die negative Meinungsmache in den Medien und der Druck der Bauern hat dazu geführt, dass in manchen Departements eine begrenzte Anzahl von Wölfen zum Abschuss freigegeben wurde, obwohl die Jagd der Berner Konvention widerspricht.

Bei der ganzen Aufregung sollte man im Auge behalten, dass es sich jeweils um das Verhalten eines einzelnen Wolfes (wie in Niedersachsen) oder eines einzelnen Rudels (wie in den Vogesen nahe La Bresse) dreht. Die anderen beiden Vogesen-Rudel konzentrieren sich weiterhin auf Wildtiere, lediglich im Gebiet um La Bresse nehmen die Konflikte kontinuierlich zu, während in dem Gebiet um den Ventron ca. 2000 Schafe gehalten werden, ohne einen einzigen Angriff oder Schaden (so äußerte sich jedenfalls ein Bauer 2017 mir gegenüber).

Bei einer Begegnung mit einem Wolf sollte man laut schreien und wild mit den Armen rudern um ihn zu verscheuchen?!

Da ich selbst noch keinem Wolf in freier Wildbahn begegnet bin, kann ich hier nur wiedergeben was ich von anderen in Erfahrung bringen konnte.
Dabei beschränke ich mich auf Schilderungen von Menschen, die selbst bereits einige Wolfsbegegnungen erlebt haben. Einige Empfehlungen aus der Literatur widersprechen sich gegenseitig, und eine Begegnung kann in ganz unterschiedlichen Kontexten stattfinden. So kann zum Beispiel ein Hund die Situation komplizierter machen, da dieser tendenziell von den Wölfen eher als “Eindringling” betrachtet wird. Ist man als Spaziergänger dagegen allein, fällt der Mensch wohl eher in die Kategorie “Sonderling”.

Insgesamt lässt sich aber wohl sagen, dass Menschen, die sich im Revier eines Rudels bewegen, wohl wahrgenommen, aber eher ignoriert werden. Am ehesten sind junge Wölfe daran interessiert, mehr über uns Menschen zu erfahren, indem sie uns begegnen und beobachten. Dabei kommt es auch vor, dass sie über eine gewisse Zeit die Distanz halten und uns verfolgen. Das allein gilt noch nicht als unnormales oder übergriffiges Verhalten. In aller Regel werden wir jedoch gar nichts von den Wölfen mitbekommen.

Wie reagiere ich wenn ein Wolf vor mir steht?
Wie gesagt variieren die Ratschläge stark. Sie reichen von “sich aufrichten” und laut schreien bis “mit den Armen rudern und Steine werfen”. Inzwischen glaube ich, dass es am besten ist aufgerichtet stehen zu bleiben und den Wolf ruhig anzuschauen. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

Radinger sagt: „Ruhig stehenbleiben und den Wolf selbstbewusst ansprechen und verjagen“.

Dieser Ratschlag leuchtet mir ein, seit ich Elli H. Radingers Buch über das Sozialverhalten der Wölfe gelesen habe (siehe unten). Wölfe beherrschen untereinander 21 Arten der Mimik, sie sind also höchst kommunikativ und sehr intelligent. Damit geht einher, dass sie ihr gegenüber sehr schnell einschätzen lernen, um nicht zu sagen: Sie durchschauen ihr gegenüber schnell.

Nach einigen Augenblicken wird das Tier weiter seines Weges ziehen und wir sind um eine Erfahrung reicher (so die sogenannten “Wolfskuschler”).
Die Meinungen über das Verhalten in einer solchen Begegnung gehen auseinander und vielleicht ist es auch eine Geschmacksfrage, wem man Glauben schenken will. Unter Leuten, die die Wölfe über Jahrzehnte erforscht und selbst unzählige Begegnungen gehabt haben, gilt dieses Vorgehen als etabliert. Anders sieht es unter Bauern aus, die trotz Herdenschutz Konfrontationen erlebt haben. Das legt den Schluss nahe, dass man sich mit dem Wolf nicht um sein Essen streiten sollte…

Quellen